SPUNK II. Migrantische Literatur

Ihre Werke können nicht als Spiegel einer Einwanderergesellschaft oder als Maßstäbe für Integration gesehen werden: Autoren, die mit einer anderen Sprache aufwuchsen und jetzt auf Deutsch schreiben. Sie positionieren sich in der literarischen Landschaft einer Gesellschaft, die von ihnen Einblicke in „fremde Kulturen“ will oder Lösungen für soziale Probleme von Zuwanderern sucht. Doch, wie Costas Giannacacos sagt: Ein Autor stellt sich seine Aufgabe immer selbst.

Autoren, die das Label des „Interkulturellen“ tragen, sehen sich selbst oft im Kampf mit dieser Schublade. Von Wissenschaft und Medien als „Gastarbeiterautoren“ bezeichnet, haben sie sich selbst früher „Literaten der Betroffenheit“ genannt. Ihre Texte entstehen aus dem Eindruck der Migrationserfahrungen, mit dem Hintergrund von zwei oder mehr Sprachen und den zu einer Sprache gehörigen Bildern.

Die Arbeit spürt in biografischen Interviews nach, welchem Stellenwert die Migration bei den einzelnen Literaten zukommt. Sie kann zeigen, wie Migration auf kreative Weise als Ressource verwendet wird, wie Elemente anderer Kulturen auf subjektive Weise neu inszeniert werden – vom Nebenschauplatz bis zum Dauerthema, vom stark ausgelebten Akzent und bewusst falscher Grammatik bis zum humorigen Einsprengsel im Jugendroman. Autoren schreiben Bilder und Gefühle, erleben dabei wie manch andere ihrer (muttersprachlichen) Kollegen ein Entfremdungsgefühl gegenüber der Gesellschaft oder ein Ringen mit der Sprache.
Nicht zuletzt diese Autoren lenken den Blick des Lesers auf die Tatsache, dass die deutsche Literatur noch nie streng abzugrenzen war und schon immer von Wanderung und fremden Elementen durchsetzt war.