Welcome to the Container

Von migrationspolitischen Sortiermaschinen zur „Bewegung der Migration“. Eine Intervention in die Migrationsdebatte für eine Globalisierung von unten

Seit dem 11. Sept. 2001 dominiert das Paradigma der Integration die migrationspolitischen Debatten und politisch-praktischen Zugänge nicht nur in Deutschland. Hier soll der Versuch unternommen werden, einige neuere Thesen und Debatten der internationalen sozial- und kulturwissenschaftlichen Beschäftigung mit Migration auszuprobieren – Thesen, Debatten und Konzepte, die eine andere Perspektive auf das Phänomen Migration zulassen und einnehmen, als es in der gegenwärtigen deutschsprachigen Debatte um Migration und Integration überwiegend der Fall ist. D.h. ich werde versuchen, migrationswissenschaftliche Konzeptualisierungen von der Perspektive der „Bewegung der Migration“ aus zu denken und zu entwickeln. Mit diesem Unterfangen stehe ich nicht alleine, sondern kann anknüpfen an höchst dynamische interdisziplinäre Debatten und Forschungsprojekte im Rahmen von „Transit Migration“ (www.transitmigration.org), dem „Netzwerk kritische Migrations- und Grenzregimeforschung“ oder dem europäischen „Frassanito-Netzwerk“.

Was heißt es jedoch theoretisch, methodisch und inhaltlich von der „Bewegung der Migration“ in den Wissenschaften und in der Öffentlichkeit zu sprechen? Eine in den Wissenschaften häufig anzutreffende Operation, Aussagen und Positionen zu klären, ist es, Begriffe oder Theoreme ex negativo zu bestimmen, also zu fragen, was sie nicht bedeuten bzw. von welchen Positionen man sich abgrenzen will. Thesenhaft soll hier in diesem Sinne skizziert werden, gegen welche gängigen, mainstream-wissenschaftlichen Diskurse und Perspektiven sich das Konzept der „Bewegung der Migration“ abzusetzen versucht, nämlich von den Modellen die

  1. Migration als Bedrohung konzipieren,
  2. Migration als unidirektionaler Prozess verstehen,
  3. Migration vor allem als kultureller Differenz-Erfahrung fassen.

Dabei ist mein Blick auf die migrationswissenschaftliche Debatte wie auch die empirische Basis stark kulturanthropologisch und ethnographische gerahmt. Die kritische Perspektive ist dabei ebenso stark durch globalisierungstheoretische Debatten in der internationalen Sozial- und Kulturwissenschaft geprägt, für deren Mainstreaming hier plädiert wird. Allerdings kann die Art von Migrationswissenschaft, die hier bruchstückhaft skizziert wird, nur interdisziplinär gedacht und gemacht werden.

Migration als Bedrohung

Wer Migration wissenschaftlich erforschen will, der kommt nicht umhin eine unheimliche Nähe vieler Forschungen zu politischen und öffentlichen Problemdefinitionen und Diskurskonjunkturen festzustellen.

So war Migrationsforschung bis weit in die 80er Jahre hinein, zumindest für die deutsche Wissenschaftslandschaft gesprochen, „Ausländer-Problemforschung“. Dem Kulturwissenschaftler und Stadtforscher Stephan Lanz zu Folge hat sich dieses Forschungsfeld quer durch die Disziplinen als ein „an den Programmatiken und Alltagsproblemen gefesseltes, vielfach politisch dominiertes Feld“ entwickelt (2007, 86). Es lässt sich aber auch – allen Unkenrufen von wegen wissenschaftlichem Elfenbeinturm zum Trotz – gerade auf diesem Gebiet ein ebenso unheimlicher Wissenstransfer hinein in die Gesellschaft feststellen. So dominiert ein kulturalistischer Blick auf Migration mittlerweile nahezu gänzlich die öffentliche Debatte – eine Konzeptualisierung und Thematisierungsweise, die vor allem die kulturwissenschaftlichen Disziplinen ab den 1980er Jahren mitforciert haben. Es muss also festgehalten werden, dass es in diesem Themenfeld, wie in kaum einem anderen, derzeit kein neutrales wissenschaftliches Forschen und Sprechen über Migration gibt – Migrationsforschung ist mithin per se ein Politikum.

Dabei haben sich in den letzten knapp 60 Jahren neuerer Migrationsgeschichte die „Schreckensgebilde“ und Diskurse verändert und je nach großpolitischer Wetterlage und situationalen Ereignissen eine neue Zuspitzung erfahren. Serhat Karakayali und Vassilis Tsianos haben in diesem sinne auch Folgende drei „Figuren der Migration“ herausgearbeitet, was nicht auf die Faktizität verweisen soll, wie „wirklich“ hauptsächlich eingewandert wurde. Vielmehr verweisen die Figuren der Migration auf das zeitspezifische hegemoniale Sprechen und Konzipieren (Karakayali/Tsianos 2005)

In den 1960er und -70er Jahren waren es die „Gastarbeiter“ aus Italien, Spanien, Griechenland – heute alles EU-Inländer – sowie Jugoslawien und der Türkei, deren „ungezügelter Zuzug“ mit „weitreichenden Problemen“ massenmedial verkoppelt wurde. Und bereits hier fanden sich im Rahmen der Forschungsarbeiten zum Ausstellungsprojekt „Crossing Munich“, in unserer Inhaltsanalyse der Münchner Zeitungen, die bekannten Topoi wie das der „Grenzen der Belastbarkeit“, der „Grenzen der Aufnahmefähigkeit“ oder „der erschöpften Integrationskraft“.

In den 1980er und frühen -90er Jahren waren es die steigenden Zahlen von MigrantInnen und Flüchtlingen, die Asyl beantragten, die die Projektionsfläche abgaben für  Bedrohungsszenarien der Nation, die mit wilder Kriegs-Rhetorik und Wasser-Metaphorik spielten – von wegen „Ansturm“, „Überflutung“ und „das Boot ist voll“.
Seit Mitte der 1990er Jahre steht zum einen die neue Arbeitsmigration aus dem Osten und Süden im Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit, die sich „illegal“ den Weg nach Europa bahnt und auf dem „Schwarzmarkt“ anbietet. Diese Einschätzung ventilieren dabei nicht nur die Medien, die insbesondere die afrikanische Migration bilderreich einerseits als Massenansturm und Bedrohung inszenieren andererseits an die koloniale Tradition des „hilfsbedürftigen Schwarzen“ anknüpfen. Auch große migrationspolitisch tätige Think-Tanks, Polizei-Behörden und wissenschaftliche Arbeiten stützen diese Sichtweise durch ein wildes Spiel mit Zahlen, Statistiken und Pfeildiagrammen.

Spätestens mit dem 11. September wurden jedoch die Eingewanderten in der 2. und 3. Generation selbst wieder als „Problem“, „Bedrohung“ und „Zeitbombe“ in Deutschland entdeckt. Hierzu haben vor allem derartige internationale und europäische Ereignisse beigetragen, wie die internationalen Terrorangriffe. Aber auch die brennenden Vorstädte Frankreichs und kleinere öffentlich gewordene Vorfälle in Deutschen Schulen ließen CDU Politiker und Journalisten vom „Scheitern des Multikulturalismus“ reden und mündeten in eine restriktive Integrationsdebatte (vgl. Hess/Binder/Moser 2009)

Interessanterweise sind dabei beide Stränge der gegenwärtigen Migrationsdebatte in ähnlicherweise diskursiv gerahmt: Zum einem durch eine zunehmende „Securitization“, einer „Versicherheitlichung“ des Migrationsdiskurses, welche verknüpft ist mit dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus und einem wachsenden Antiislamismus bzw. anti-moslemischen Rassismus (u.a. Koslowski  1998). Zum Bild des Islams als das fundamental Andere der Moderne und der westlichen Aufklärung haben zahlreiche Personen mit wissenschaftlichen Titeln immens beigetragen. Doch kein anderer kann diese diskursive Koppelung so gut zum Ausdruck bringen wie der deutsche Innenminister Wolfgang Schäuble. In seinem Arbeitsprogramm für die deutsche EU-Ratspräsidentschaft 2007 heißt es in der Einleitung: „Trotz vielem Erreichtem stehen wir heute in Europa vor großen Herausforderungen. Internationaler Terrorismus, Organisierte Kriminalität und illegale Migration bedrohen zunehmend unsere Sicherheit....“

Zum anderen wird die neuerliche Verknüpfung von Migration mit Bedrohung vor allem auf dem Terrain der Stadtgesellschaft ausgetragen. In alarmistischen Szenarien werden städtische Desintegrationsprozesse beschrieben. Der alte Begriff des Ghettos und die Neuerfindung der „Parallelgesellschaft“ geistern durch die Medien und die wissenschaftliche Auseinandersetzung. Hierzu hat im deutschen Kontext kein anderer so beigetragen wie der Soziologe Wilhelm Heitmeyer mit seinen Studien zur „Krise der Städte“ (1998) und seiner populärwissenschaftlichen Begrifflichkeit der „Parallelgesellschaft“ (1997).

Doch der neuerliche Problemdiskurs zur Migration spielt in Deutschland noch auf einer weiteren Klaviatur, nämlich der der Werte und der kulturellen Unvereinbarkeit wie sie in den Debatten um Ehrenmorde, Zwangsheirat, Moscheenbau oder das Kopftuch angesprochen werden (kritisch dazu Erdem 2009). Eine Vorlage für diesen Diskurs, welcher das christliche Abendland, die westliche Aufklärung, Demokratie und Gleichheit schlechthin bedroht sieht, lieferte in Deutschland die sog. Leitkultur-Debatte der 1990er Jahre. Eine Zuspitzung erhält sie durch die augenblickliche Diskussion in Deutschland, die Landessprache Deutsch im Grundgesetz zu verankern. Bereits umgesetzt ist sie in sog. Einbürgerungstests mit diversen Fragen zur Einstellung gegenüber Frauen und Homosexuellen – so als wäre der Kampf gegen Gewalt gegen Frauen und Homophobie ein traditionell deutsches Kulturgut. Auch das neue Zuwanderungsgesetz, welches das erste Mal in der bundesdeutschen Geschichte Integration als politische Aufgabe formuliert, ist von dieser Handschrift gezeichnet. Auch hier stellen die Sprachanforderungen bereits an neu Einreisende im Herkunftsland als auch an die migrantische Wohnbevölkerung einen zentralen Zugriff dar – Nichtbefolgen kann bis zum Entzug des Aufenthaltstitels führen (zur Nieden 2009).  In diesem Sinne ist auch die neu entbrannte Integrationsdebatte und -politik genauestens zu analysieren, ist sie doch in Folge dieses Diskurskontexts von Anfang an strukturiert durch einen kulturalistischen Blick auf die Anderen und den Imperativ der Anpassung. Momente einer nachholenden Partizipationspolitik findet man nur am Rande.

Gegenentwurf: Wider das nationale Container(denken)

Die Geschichte der diskursiven Rahmungen des Migrationsthemas verrät wenig über die tatsächlichen Migrationsbewegungen und ihre Probleme. So mögen die großen Debattenfiguren und politischen Konzeptualisierungen vom „Gastarbeiter“ über den „Flüchtling“ bis zum/zur „illegalen ArbeitsmigrantIn“ sich ändern, die Taktiken, Motivationen, Rationalitäten und Sehnsüchte der Migration, die sich durchaus strategisch zu den Politiken verhalten und ihre Anforderungen antizipieren, fangen sie nicht ein. Eine Anekdote mag das verdeutlichen: So musste der Leiter der neu eingesetzten europäischen Grenzschutzagentur Frontex ihre Mission im Mittelmeer nicht nur für gescheitert erklären, sondern gar für kontraproduktiv. Die erhöhte Präsenz von Frontex-Schiffen habe dazu geführt, so hieß es, dass „Schlepper“ die Boote der MigrantInnen gerade in ihre Richtung gelenkt und dann zum Sinken gebracht hätten: Denn klar sei, ein Mensch in Seenot müsse geborgen werden.

Die Thematisierung von Migration als Bedrohung verrät jedoch viel darüber, wie sich die faktischen Einwanderungsgesellschaften selbst verstehen und dazu haben die Wissenschaften eine Menge Deutungsmaterial geliefert. Auch wenn sich, wie gezeigt, die Bedrohungsszenarien über die Jahrzehnte immer wieder verändert haben, ist das ihnen zugrundeliegende Idealbild von „Gesellschaft“ doch erstaunlich konstant.  Kultur- und Sozialwissenschaftler beschreiben diese grundlegende Vorstellung als nationales Container-Modell von Kultur und Gesellschaft (Römhild 2003a; Pries 2002). Die eigene Gesellschaft oder die Stadtgesellschaft wird als kulturell homogener Zusammenschluss mit deutlichen Grenzen vorgestellt. Naturalistischen, ja gar physikalischen und hydraulischen Gesellschaftsvorstellungen folgend wird das von außen Kommende als Fremdkörper imaginiert, das die „Aufnahmefähigkeit“, die „Belastbarkeit“, die „Integrationskraft“ der nationalen Containergesellschaft herausfordert, aus dem „Gleichgewicht“, ja zum „Überlaufen“ bringt (vgl. Crossing Munich 2009). Die letzten 50 Jahre internationale Wissenschaftsgeschichte haben auch Ansätze hervorgebracht, die auf immer feinere, strukturelle Unterschiede und Differenzierungen entlang der sich durchkreuzenden Kategorien von Klasse, Geschlecht, Sexualität oder Alter hingewiesen haben (vgl. u.a. Lutz/Wenning; hooks 1996). Dennoch kritisieren etwa Ulrich Beck (2004) und andere WissenschaftlerInnen, dass ein methodischer Nationalismus die Grundannahmen, Theoreme und Blicke der westlichen Kultur- und Sozialwissenschaften bis heute prägt: Dieser methodische Nationalismus trägt zu einer „nationalen Ontologie des Sozialen“ und des Kulturellen bei. Gesellschaft wird als essentiell und immer schon national und kulturell homogen vorgestellt. Alle internen Fragmentierungs- und Differenzierungsprozesse sowie nach außen reichenden Ausfransungsprozesse gelten in diesem Blickregime als Abweichung von der Norm, als Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Die Containergesellschaft wird somit auch enthistorisiert, als stabil und statisch imaginiert und dies als Grundvoraussetzung für ein friedliches Zusammenleben mythologisiert.

Der größte Erfolg des methodischen Nationalismus besteht jedoch darin, die Beobachterperspektive und Situierung der westlichen Kultur- und Sozialwissenschaften auf das Nationale als das unhinterfragbar Eigene eingeschworen zu haben. So ist die Frageperspektive und Blickrichtung der allermeisten Migrations- und Integrationsstudien selbstverständlich eingenordet: man blickt aus der Mehrheitsgesellschaft heraus auf die als die Anderen, die Fremden konstruierten. Diese Operation wurde bereits detailliert von postkolonialen TheoretikerInnen als Orientalismus, Othering, Differentialismus und Paternalismus beschrieben (u.a. Hall 1994; Kein Nghi ha 2005). Andere, wie der französische Philosoph  Etienne Balibar, haben diese Nationalisierung der Gesellschaftskonzepte und -politiken als einen mitunter sehr gewaltsamen Konstruktionsprozess herausgearbeitet, der jedoch vor allem durch den nationalen Wohlfahrtsstaat, den „national sozialen Staat“, wie ihn Balibar bezeichnet, eine durchschlagende Evidenz und soziale Integrationskraft erfuhr (2003). Auch zu sehen an den Politiken der Gewerkschaften, die in Deutschland beispielsweise vehemente Fürsprecher des Anwerbestopps waren.

Betrachtet man jedoch die sozialen, ökonomischen und kulturellen Differenzierungen und Fragmentierungen, die nicht erst mit der Globalisierung unsere spät- oder postmodernen Gesellschaften prägen, ist dem Mythos des homogenen und noch dazu stabil-homogenen Gesellschaftscontainers grundlegend zu widersprechen. Vielmehr ist von einer fundamentalen gesellschaftlichen Heterogenität und Konfliktualität auszugehen, d.h. die Gesellschafts- und Kulturforschung bedarf eines anderen Vokabulars, anderer Perspektiven und Problematisierungen jenseits des methodologischen Nationalismus, um adäquat über die spätmodernen Einwanderungsgesellschaften nachzudenken.

Migration als unidirektionaler Ortswechsel

Das gerade ausgeführte Containermodell von Gesellschaft hat jedoch auch maßgeblich die Konzeptionalisierungen von Migration mitstrukturiert. Man könnte hierbei sagen: Migration ist die Verdoppelung von Containern. Migration wird so vorgestellt, dass einE MigrantIn Container A, in dem er/sie „verwurzelt“ war – in den meisten Vorstellungen nur ungern oder gar durch Zwang – verlässt, um sich ohne Wenn und Aber im Container B wieder anzusiedeln, zu akkulturalisieren. Migration wird hierbei als unidirektionaler Prozess imaginiert, der mit der Integration in eine neue und, wie wir schon gehört haben, kulturell differente Aufnahmegesellschaft zum Abschluss kommt. Auch hier dominierte eine naturalistische Metaphorik der Entwurzelung und Wiedereinpflanzung, die alles „Dazwischen“, alles „Uneindeutige“ und ambivalente letztlich nur phatologisieren konnten. Auch dem Weg zwischen A und B, der Migration und „Reise" galt keine Aufmerksamkeit, galt sie doch als Abweichung von der Norm der Sesshaftigkeit (vgl. Hess 2005). Politisch gesehen bringt das Containermodell dabei eine ungeheuere Rigidität mit sich, die den Prozess der Akkulturation und Neuansiedlung in nationale Loyalitäts- und Identitätsrhetorik kleidet nach dem Motto: „Du kannst kein anderes Vaterland neben mir haben“. Diese Perspektiven sind der derzeitigen Integrationsdebatte tief eingeschrieben, die Integration als Imperativ an die MigrantInnen adressiert. Die MigrantInnen haben sich in eine „Aufnahmegesellschaft“ zu integrieren, die selbst bei einigermaßen progressiven Konzepten als „deutsch“ im Sinne deutscher Geschichte und Kultur definiert wird, so als ob sich die sog. Aufnahmegesellschaft nach 50jähriger, neuer Migrationsgeschichte nicht verändert hätte.

Gegenentwurf: Transnationalisierung der Migrationsdebatte

Eine andere Perspektive nehmen Forschungen ein, die sich unter dem Begriff des transnational approaches zusammenfassen lassen. Vor allem historisch arbeitende Transnationalisierungsforschungen können auf eine gänzlich andere Mobilitätswirklichkeit verweisen und zeigen, dass selbst die historische deutsche Auswanderung in die USA trotz der doch sehr beschwerlichen Reisebedingungen von einem Hin und Her gekennzeichnet war und sich trotz der „Melting pot“-Ideologie teils erst die dritte Generation als US-AmerikanerInnen fühlte, ohne jedoch die US-Gesellschaft in ihrer Entwicklung wirklich zu bedrohen. Der Begriff der Transnationalisierung bezieht sich dann auch vor allem auf die Tatsache, dass MigrantInnen in ihren grenzen-überschreitenden Lebensprojekten mehrere Länder miteinander verbinden, also trans-national verortet sind (vgl. Bash/Glick-Schiller/Szantos Blanc 1994; Pries 1997; Hess 2005).

Dabei  ist der v.a. im englischen Sprachraum weit fortentwickelte Transnationalisierungsansatz eine nachholende Normalisierung der wissenschaftlichen Wissensproduktion im Migrationsbereich und keineswegs eine neue Migrationspraxis. Dennoch können transnational angelegte Studien einen anderen Strategie- und Praxisreichtum, andere Kulturen der Mobilität und der grenzüberschreitenden Lebensführung zu Tage fördern, als es die meisten auf die Zielregionen der Migration fokussierten Forschungen je konnten (u.a. Morokvasic 1994; Irek 1998). Diese Studien zeigen aber auch, dass „Integration“ und Verortung unter transnationalen Lebensbedingungen, unter Bedingungen von den Globus umspannenden Diasporakulturen neu gedacht werden müssen. Lebensentwürfe über mehrere Länder hinweg implizieren einen anderen Modus der »Selbst-Eingliederung« in Gesellschaften als es selbst die liberalsten Vorstellungen des Containermodells zulassen würden: geteilte, situative, thematisch wie auch strategisch variierende Aufmerksamkeiten, Zugehörigkeiten, Solidaritäten und Beheimatungen wie die der ukrainischen oder slowakischen PendelmigrantInnen, die hier im Dreimonats-Rhythmus mit ihren akademischen Titeln putzen, ernten und Häuser bauen, um zu Hause sich eine neue mittelständige Existenz aufzubauen bzw. zu halten (vgl. Hess 2005). Oder die zweite und dritte Generation Jugendlicher, die in den städtischen Ballungsräumen der Migration mit ihren „türkischen“ oder „Ex-Jugo“-Gruppen herumziehen, Kasachstan oder Bosnien ihre Heimat nennen, doch außer für einen Urlaub sie keine zehn Pferde mehr länger in die imaginierte Heimat ihrer Eltern bringen würden (Römhild/Bergman 2003b). Lauscht man ihrem „Türkpop“ oder „Turbofolk“, so hat dieser zwar viel traditionelles, lokalistisch interpretierbare Momente, doch ist er ohne die Geschichte der Auswanderung und der Diaspora nicht zu verstehen (Caglar 2001; Crossing Munich 2009).

Die Kulturanthropologin Ayse Caglar und andere sprechen dann auch von „transterritorialen kulturellen Räumen, die das Nationale sozusagen auslassen oder überspringen und vielmehr eine kreative Kombination und Verbindung von Szenen und Subkulturen darstellen, die die Großstädte der Welt hervorbringen. So zitiert Ayse Caglar eine Besucherin einer türkischen Türkpop-Disco in Berlin mit fast nur türkischem Publikum: „Weißt du, hier orientieren wir uns an Istanbul und Izmir, aber im Grunde genommen holen wir über Istanbul mit New York auf. Hier sind wir Teil all dieser Orte. Im 1001 fühle ich mich, als ob ich in Istanbul, Berlin, Europa und New York gleichzeitig wäre.“ (2001, 238)

In den Kulturwissenschaften sind hierzu im Kontext der postkolonialen und  Globalisierungsdebatte einige neue Begrifflichkeiten und Konzepte entwickelt worden, wie diese ambivalenten, mehrdeutigen, gemixten, transterritorialen Verortungen und Identitätsprojekte bezeichnet werden könnten. So etwa das Konzept der Hybridität von Homi Bhabha, das des Bastards von Salman Rushdie, der Mesticia von Trin Min ha (vgl. Hall 1994, das der Kreolisierung von Ulf Hannerz (1996) oder des Kosmoplitismus, wie ihn Ulrich Beck (2004) oder Regina Römhild (2007) neu definieren. Allerdings verbleiben die meisten Konzepte auf der Ebene von Diskursen, Identitätsformationen und im engeren Sinne kulturellen Objektivationen. Wissenschaftliche Forschungen, die sich den Praktiken und den transnationalen Lebenskonstruktionen in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit, Kompliziertheit, Ambivalenz wie in ihrer Kreativität und Sinnhaftigkeit, in ihrem Begehren wie in ihrem Leiden und ihrer Entsagung analytisch nähern, sind dagegen erst sehr spärlich.

Migration als kulturelle Differenz-Erfahrung

Im Vorangegangenen wurden bereits immer wieder Momente der Kulturalisierung der Migrationsdebatte angesprochen bzw. kulturalistische Perspektiven und Diskurse hervorgehoben. Und in der Tat: die kulturalistische Wende des Migrationsdiskurses, die der deutsche Erziehungswissenschaftler Frank-Olaf Ratdke bereits auf das Jahr 1973 datiert, ist folgenschwer. Er meint einen Wechsel in der Semantik von der „staatsrechtlichen Kategorie des ‚Ausländers’ auf den ethnologischen Blick des Fremden“ just in dem Moment zu erkennen, als die massenhafte Niederlassung der sog. „Gastarbeiter“ nicht mehr zu übersehen war und aus den Gast-Arbeitern Wohnbevölkerung wurde mit dem Anspruch auf Bürgerrechten (1996, 337, zitiert nach Lanz 2007, 87). Es sieht fast so aus, als wären sie zu nah gekommen und als hätten sie sich durch ihre Praktiken der Selbsteingliederung zu De-facto-Citizens gemacht, so dass sie aufs Neue auf Abstand und zwar einen essentiellen, ontologischen gebracht werden mussten.

Auch in der Analyse der Integrationsdebatte in München finden sich schon zu Beginn der 1970er Jahre kulturalistische Argumentationsweisen. So trug die Debatte um die „Grenzen der Aufnahmefähigkeit“ in München von Anfang an stark kulturalistische Züge, da sie auf das Bild eines homogenen, essentiellen Kultur- und Gesellschaftscontainers rekurrierte. Das Stadtentwicklungsreferat schrieb in diesem Zusammenhang beispielsweise 1972: „Nach den vorausgegangenen Überlegungen stellt sich die Frage, wie viele Ausländer München aufnehmen kann, ohne einerseits Eigenart und Personalität zu verlieren und ohne andererseits die Ausländer zu zwingen, mehr von ihrer kulturellen Tradition aufzugeben, als sie von sich aus bereit sind.“ (Stadtentwicklungsreferat der LH München 1972, 191) In seiner historischen Aufarbeitung der Migrationswissenschaft spricht auch Stefan Lanz von einer Ablösung des sog. „Defizitansatzes“ spätestens in den 1980er Jahren durch den „Differenzansatz“, der von seinen Protagonisten zunächst durchaus als progressiver Gegenentwurf gegen die stark problemorientierte und pädagogisierende Forschungsrichtung des Defizitansatzes gedacht war. Im Folgenden gewann die Kategorie „Kultur“ allerdings im Sinne eines ethnisierenden, differenztheoretischen und statischen Kulturbegriffs zunehmend an Oberhand in den wissenschaftlichen und öffentlichen Diskursen um Migration (u.a. Welz 1994). Hier konnte sich dann auch die Volkskunde/Europäische Ethnologie mit ihrem Kulturverständnis bestens einschreiben, wie es der Titel des „Deutschen Volkskunde Kongresses“ von 1987 „Kulturkonflikt - Kulturkontakt. Zur Erfahrung des Fremden“ (1988) auf den Nenner bringt.

Seine Popularisierung stand auch in enger Verbindung mit dem stärker werdenden Multikulturalismusdiskurs ab Mitte der 1980er Jahre. Der aus Kanada oder Australien übernommene multikulturalistische Ansatz stellte in der Tat das erste Mal in der jüngeren deutschen Einwanderungsgeschichte eine Abkehr von der Homogenitätsmaxime staatlicher Politik dar, in dem er die „kulturelle Vielfalt“ positiv bewertete (Welz 2007). Über die Pferdefüße des Multikulturalismus ist viel geschrieben worden. Vor allem hat sich wohl die allen Konzepten gemeinsame Vorrangstellung der ethnisch-kulturellen Betrachtungsweise von Migration als verhängnisvolle Zwangsjacke für MigrantInnen erweisen. Und dies lag insbesondere an dem im Multikulturalismus eingeschriebenen „hoch problematischen Verständnis von Kultur“, wie es Werner Schiffauer rückblickend selbstkritisch beschreibt (2003). Viele selbst-reflexive Abhandlungen über die fachgeschichtliche Entwicklung auf dem Feld der Migrationsforschung starteten dann auch hier mit ihrer Kritik. Die Arbeiten sind so zahlreich und so detailreich, dass ich sie hier nicht alle aufführen kann. An dieser Stelle sollen nur wenigen Eckdaten des kulturalistischen Ansatzes oder differentialistischen Kulturbegriffs aufgeführt werden: Kultur wird im Sinne eines kulturellen Erbes verstanden, als stabiles, homogenes und klar abgrenzbares Ensemble von Praxen und Werten, welches eine spezifische Gruppe auszeichnet und unterscheidbar macht. Hierbei wird Gruppe, Kultur und Ethnizität aneinander gekoppelt, wobei „Ethnie“ als Abstammungsgemeinschaft gefasst wird.

Auch wenn die Fachdebatte längst nicht mehr Kultur im Sinne einer Essenz, sondern Kultur im Sinne von Praxis versteht, sind der differentialistische Kulturbegriff und die multikulturelle Aufwertung der Herkunftskulturen insbesondere in den Großstädten mittlerweile Politik bestimmend. So haben nicht nur im weitesten Sinne die „Kulturindustrie“ und der Kunstsektor die goutierbaren Häppchen eines bunten multikulturellen Stadtlebens für sich entdeckt. Auch Stadtplaner und Politiker wissen 50 Jahre nach dem ersten Anwerbevertrag „Multikulti“ für ihr Stadtmarketing in Szene zu setzen (Caglar 2001; Lanz 2007; Römhild/Bergman 2003b). Migration als „kulturelle Vielfalt“, als „kulturelles Ambiente“ konzeptualisiert, gehört heute aufs engste zu Vorstellungen von weltstädtischer Urbanität dazu.

Stephan Lanz kann jedoch in seiner Forschungsarbeit zur Migrationspolitik Berlins zeigen, wie jene regulativen, auf den ersten Blick gegensätzlich anmutenden Konzeptionen von einerseits aus der Kontrolle geratenden „Einwandererghettos“ und andererseits vermarkt- und goutierbarer migrantischer Kultur doch der gleichen kulturalistischen Logik folgen, die Fragen nach materieller und rechtlicher Teilhabe beide übergehen. Vielmehr konzeptualisieren beide Positionen Mehrheit und Minderheit gemäß dem differenztheoretischen Kulturbegriff als relativ geschlossene kulturelle Einheiten, die sich gegenüberstehen, wobei Differenz als etwas Konfliktuales, als „Clash of Civilisations“ verstanden wird (vgl. Lanz 2007, 165).

Beide Diskurse sind jedoch auch insofern als zwei Seiten der gleichen Medaille zu verstehen, als sie die zwei Seiten der gleichen Sortiermaschine darstellen: die guten, sprich bunten, kreativen, goutierbaren Kulturen in die Karnevalsaufstellung, die schlechten, nicht-vermarktbaren Kulturen in die Arbeitszwangsmaßnahme und das Quartiersmanagement. Beide sehen Migration nicht als selbstverständlichen Teil dieser Einwanderungsgesellschaft, der dementsprechend selbstverständlich im öffentlichen Dienst oder den Universitäten vertreten sein sollte. Diesen Teil der aus dem US-amerikanischen kommenden „Diversity Politics“, nämlich Maßnahmen im Sinne einer positiven Diskriminierung, werden in der deutschen Vielfalts-Debatte gänzlich kulturalistisch entpolitisiert und unter den Tisch gekehrt.

Dies erklärt auch das leichte Umkippen der Debatte, in der dann gerade Stimmen dominieren, die von der „Krise“ und gar dem „Ende des Multikulturalismus“ sprechen (vgl. Radtke 2009). Als Gegenbegriff firmiert das Konzept der „Parallelgesellschaft“, welches als Beleg immer wieder die als Anomalie gedeuteten städtischen Konzentrationen von MigrantInnen in manchen Stadtteilen sowie die öffentlich stärker in Erscheinung tretenden religiösen Praxen v.a. im Kontext des Islam heranzieht.

Dieses Blickregime gründet vor allem in den stadtpolitischen Debatten auf einer Operation, die der Stadtgeograf Boris Michel als „Verräumlichung des Sozialen“, vielleicht eher des Kulturellen beschreibt. Während der Geograph Boris Michel in seiner Kritik eher auf die mit dieser Operation verbundene Regulationsfunktion abhebt, ist die Beschreibung auch auf konzeptueller Ebene aussagekräftig: Sie verweist auf die Effekte eines räumlichen Blicks auf Kultur und Gesellschaft, der das Soziale und Kulturelle im Raum fixiert und einfriert. Diese Operation berücksichtigt weder die soziale Konstruktion von Räumen, noch die in den Globalisierungstheorien enthaltene Einsicht der Deterritorialisierung, der Entbettung, der sozial-räumlichen Funktionsaufsplittung und der Mehrfachzugehörigkeit, ganz zu schweigen von den neuen digitalen sozialen Vergemeinschaftungsmodi. Behälterräumliche Vorstellungen etlicher Segregationsstudien, die sich von der „schlichten Kombination aus Wohnort, sozialer Position und ethnisch-nationaler Zugehörigkeit“ (Pott 2001) ableiten, können somit die spätmodernen, transnationalen Lebenswelten nicht mehr adäquat analysieren. Auch dies fordert die ethnologischen Disziplinen dazu auf, ihren „methodolgischen Lokalismus“ zu überwinden.

Gegenentwurf: Die Perspektive des „doing“

Vor allem fordert diese Analyse der negativen Effekte der kulturalistischen Betrachtungsweise von Migration dazu auf, konsequent praxeologische Ansätze zu entwickeln. Unter der Perspektive des „doing“ kann dann auch nach Lokalität, Verortung und Ethnizität gefragt werden, allerdings würde es hierbei immer um den aktiven, bedeutungsvollen Prozess des Werdens und Machens gehen (vgl. Schmidt-Lauber 2008). Das heißt, es ginge um Lokalisierungsbemühungen und um Ethnisierungspraxen und -diskurse, um deren subjektivierende Momente wie auch um ihre hegemonialisierenden Intentionen. Die meisten Transnationalisierungsansätze sind in diesem Sinn einem theoretischen Praxiszugang verpflichtet, der die Praktiken und Taktiken der Migration sei es in Sachen „border crossing“ oder „belonging“, in Sachen Netzwerkbildung oder Integration anvisiert.

Von der eigensinnigen und überschießenden Praxis der Migration war bereits Ende der 1960er Jahre in der Münchner Presse zu lesen. So wurde in einigen Zeitungsartikeln die „Balkanisierung“ des Münchner Hauptbahnhofs in schrillen Tönen beklagt und überlegt, wie man diesem kulturellen und sozialen Aneignungs- und Vermischungsprozess im Zuge der Einwanderung Herr werden könnte. In der internationalen kulturwissenschaftlichen Debatte werden diese Prozesse verstärkt den jüngeren Globalisierungswellen zugeschrieben. Dabei berichtete der Leiter der Bahnpolizei dem Münchner Merkur bereits 1966 von der eigensinnigen Kraft der Bewegung der Migration: „Wir bemühen uns den Bahnhof rein zu halten, aber für einen Ausländer oder unliebsamen Gastarbeiter, den wir nach langer Beobachtung loshaben, kommen zehn andere nach.“ (Dunkel/Stramaglia 2005, 341).

Diese Tatsache der Eigensinnigkeit und Beharrlichkeit der Migration, die Douglas Massey und Kollegen u.a. auf „kummulative Verursachungsdynamiken“ in Folge von Netzwerkbildungsprozessen (1987) zurückführen, wird derzeit auch unter dem Stichwort der „Autonomie der Migration“ verhandelt. Ethnographische Migrationsforschungen, die Akteurs zentriert an den Praktiken und den Begehren der Migration ansetzen, können davon in den verschiedenen Regionen der Welt zahlreiche differenzierte Geschichten erzählen. Im Folgenden möchte ich davon ausgehend und die verschiedenen Ansätze bündelnd von der „Perspektive der Migration“ sprechen.

Ausblick: Migration aus der Perspektive der Migration erforschen

Die bisher gemachten Ausführungen sowie die hierbei schon enthaltenen alternativen Vorschläge bedeuten für ein Netzwerk kritischer MigrationsforscherInnen hinsichtlich einer zukünftigen Migrationsforschung, die gesellschaftliche Entwicklungen selbstreflexiv und machtkritisch analysieren kann, dreierlei:

  1. Die verschiedenen Formen von Migration und Mobilität als „Normalfall“ eines spätmodernen Alltagslebens zu verstehen und von dort aus das „Soziale“ und Prozesse der Vergemeinschaftung zu denken. Diese Operation in den Wissenschaften würde ich als „Migration-Mainstreaming“ bezeichnen.
  2. Migration nicht als unilinearen Prozess zu konzeptualisieren, dessen Krönung die gelungene Integration darstellt (was das auch immer sein mag), sondern Migration selbst als einen konkreten oder/und imaginären transnationalen Prozess von durchaus auch Zick-Zackbewegungen zu verstehen, wobei gerade die zeitliche Begrenztheit unserer Forschungen dazu beiträgt, den Prozess einzufrieren und zu vereindeutigen; das heißt eine konsequente transnationale Forschungsperspektive einzunehmen und ein dementsprechendes, Mobilität sensitives Forschungsdesign zu entwickeln, das Fragen der Integration im Sinne neuer Formen von „Global Citizenship“ aufwirft.
  3. Migration im Sinne der These von der „Autonomie der Migration“ zu fassen (Mezzadra 2005), d.h. allen funktionalistischen oder strukturalistischen Erklärungsmodellen wie dem immer noch dominanten Push- und Pull-Modell eine Absage zu erteilen und vielmehr die subjektiven und subjektivierenden Anteile und „Überschüsse“ herauszuarbeiten wie auch ihre kollektiven Motivationen, Ressourcen und Behinderungen, wie sie die transnationalen Netzwerkstudien herausgearbeitet haben. Die These von der Autonomie der Migration, Nina Glick-Schiller spricht von „Power of Migration“, plädiert jedoch in der Tradition des post-operaistischen Geschichtsverständnisses noch für einen weiterreichenden epistemologischen Blickwechsel: Sie fordert dazu auf, ausgehend von der „Kraft der Migration“ den geschichtlichen Verlauf (neu) zu denken. Sie verlässt damit radikal Top-Down-Konzepte, Paternalismen und Viktimisierungsdiskurse und versucht einmal – und wenn auch nur als Gedankenspiel – die Migration als wesentlichen Beweger der Geschichte einzusetzen. Eine derartige epistemologische Operation dürfte dem kulturanthropologischen Kulturverständnis vom Menschen als Kultur schaffendem Wesen sehr nahe kommen. Dies bedeutet radikal die bisherige Blickrichtung vom Kopf auf die Füße zu stellen und Migration und Integration aus der Perspektive der Migration zu beforschen. Bei diesem Versuch muss das Rad nicht von Neuem erfunden werden, man kann vor allem auf postkoloniale, feministische, rassismustheoretische aber auch neuere poststrukturalistisch inspirierte Ansätze in Kultur- und Sozialanthropologie oder Sozial- und Politikwissenschaft zurückgreifen und eine konsequent ethnographischen methodischen Zugang anlegen.
    Von der Autonomie der Migration wusste denn auch schon die bayerische Staatsregierung in den 1960er Jahren zu berichten als sie über Zeitungsmeldungen eines pakistanischen Journalisten in Pakistan informierten, der darin über die engen pakistanischen Verbindungen nach München schrieb und feststellte, dass in Pakistan bestens bekannt sei, wo man als MigrantIn eine Bleibe und Arbeit finde. Und dies lange vor dem Zeitalter des Internets und obwohl Pakistan nicht zu den „Gastarbeiter“-Nationen gehörte.