München

„Die Frage, was denn das ‚echt Münchnerische’ sei – wer so fragt, entlarvt sich schon als ‚echter Preiß’ –, ist ganz einfach zu beantworten: alles, was den echten Münchner ans Gemüt geht. Dazu braucht es nicht viel: ein schattiges Plätzchen im Biergarten, eine frische Maß, eine altbackene Brezn, das stramme Dekolleté von der Bedienung, ihre noch strammeren Wadeln, einen b’soffenen Weps, weißblauen Himmel, ein bißl einen Föhn, noch einen b’soffenen Weps und rundum Leut’, die wo man anschaun kann.“ (Gerd Staguhn)

„München hingegen – darüber möchte ich mich lieber nicht äußern, so hinterwäldlerisch kommt es mir vor und auch hässlich“. (Ingeborg Bachmann)

Die oben angeführten Zitate deuten zweierlei an: Einerseits gibt es über jede Stadt und erst recht über eine Stadt der Größenordnung von München Vorstellungen und Erfahrungen, teilweise sogar Stereotype – also einigermaßen verfestigte Vorstellungen oder Zuschreibungen von Eigenschaften. Andererseits sind diese Vorstellungen niemals homogen, der eine Berichterstatter liebt eine Stadt, lobt ihre Bewohner, die Lebensweise, die Kunst oder Architektur; der andere fühlt sich unwohl, ihm ist die Art der Menschen zu direkt oder aber zu zurückhaltend. Zu alledem kommt noch ein Selbstbild, das eine Stadt von sich hat, das ebenfalls nicht homogen ist, aber durch die Repräsentationsagenturen wie Stadtmarketing und Institutionen wie Museen, Archive, Geschichtsinstitute eine gewisse Verbindlichkeit erlangt.

Von München existieren in die eine wie in die andere Richtung relativ klare Vorstellungen – vielleicht noch mehr außerhalb der Stadt selbst als innerhalb. In einer Erhebung über die Eigenschaften von acht deutschen Städten, die mein Kollege Rolf Lindner und ich vor einigen Jahren durchführten, wurde München als konservativ, schön und bieder gesehen sowie als nicht alternativ, nicht aggressiv und nicht ordinär, während Berlin etwa als multikulturell, dynamisch und alternativ sowie als nicht konservativ, nicht bieder, nicht gemütlich eingeschätzt wurde. Klischees sind also wirkmächtig und sie haben oftmals auch eine gewisse Berechtigung. Aber sie stellen – zumindest im Falle von München – nur eine Seite der Medaille dar. München, diese „Weltstadt mit Herz“, wird nämlich von einer eigenartigen Ambivalenz geprägt, die mit den Begriffen Tradition und Moderne zwar nur undeutlich charakterisiert ist, die sich aber doch irgendwie zwischen einem gewissen Konservativismus und einer gewissen Fortschrittlichkeit bewegt. Im 19. Jahrhundert hatten die Wittelsbacher München zu einer Stadt der Wissenschaft und Kunst geformt, parallel dazu aber auch volkskulturelle Phänomene gestärkt, die das Bild der Stadt prägten. Genau genommen ist es diese Dialektik zwischen „Tradition“ und „Moderne“, die den Habitus der Stadt München bedingt. Nur hier treffen wir die Protagonisten der spätmodernen Ökonomie in Wiesntracht bierselig schunkelnd in den Zelten des Oktoberfestes, das seiner regionalen Herkunft entledigt längst zu einem globalen Phänomen geworden ist. Nur in diesem Ambiente kann übersehen werden, dass diese Stadt jenseits von Zuschreibungen des Konservativismus und der Biederkeit eine dynamische Stadt der Wissensgesellschaft repräsentiert, in der in den verschiedenen Universitäten, in den bedeutenden außeruniversitären Forschungsgesellschaften, in den Institutionen und Szenen der Künste sowie in forschungsintensiven Unternehmen ca. 340.000 sogenannte Wissensarbeiter tätig sind, die maßgeblich zum wirtschaftlichen Erfolg dieser Stadt beitragen. Nur hier können Klischees von Bierseligkeit und von vermeintlich volkskulturellen Phänomenen jene ausgeprägte Diversität überlagern, die darin zum Ausdruck kommt, dass 23% der Bevölkerung über einen Migrationshintergrund verfügen.

„Crossing Munich“ wird insbesondere diesen letzten Aspekt ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken und vor dem Hintergrund aktueller Debatten über Migration sowie mit Mitteln künstlerischer Repräsentation die bedeutende Rolle von Migration und Diversität für München beleuchten.