Hybridität

Bis vor wenigen Jahren wurde das Adjektiv hybrid und das Nomen Hybride vorwiegend in der Biologie verwendet.  Mit „Hybride“ waren „Kreuzungen“, „dessen Eltern sich in wesentlichen Merkmalen unterscheiden“, gemeint. So definiert es der Duden aus dem Jahr 1989, ohne jedoch einen Eintrag „Hybridität“ zu führen. Im heutigen Sprachgebrauch findet der Begriff vielfach Verwendung. Im Automobilteil der Tageszeitungen werden die neuesten Hybridfahrzeuge, also PKWs mit  einem Elektro- und einem Verbrennungsmotor, vorgestellt.

Wenn wir jedoch von hybriden Kulturen sprechen, so sollte nicht - wie bei einem PKW - das Denkmodell von zwei Systemen, die in einer Einheit zusammengeführt werden, vorherrschen. Kulturen werden leider viel zu oft mit mechanischen oder biologischen Modellen erklärt. Auch in der Sprache von Migrationstheoretikern deuten sich gelegentlich eher technische Vorstellungen an, wenn man etwa von „Bevölkerungsdruck“ spricht. Entsteht wirklich ein „Druck“, der dann zu Reaktionen führt, oder benennen wir die Ursache für ein Phänomen mit einem uns bekannten physikalischen Begriff, dessen Folgen wir uns plastisch vorstellen können

Die Einführung des Begriffs Hybridität hat bei mir zunächst eine Skepsis hervorgerufen, weil kulturelle Prozesse nicht mit biologischen Begriffen illustriert werden sollten. Biologische und mechanische Prozesse erfolgen unabhängig von der Interpretation der Beobachter. Zwei Eizellen verschmelzen und ein Stein fällt zu Boden, ohne dass der Deutungsprozess eines Betrachters direkt einwirkt. Wenn Menschen handeln, so sind sie jedoch - wie es Max Weber formulierte - in ihrem selbstgesponnenen Netz von Bedeutungen gefangen. Einen Nachbarn, der nicht grüßt, können wir als gedankenversunken, verschlafen oder unhöflich deuten, wobei diese Deutung wiederum zur Grundlage unserer Beziehung wird. Ein Migrationsprozess kann nur mit dem kulturell informierten Verständnis der beteiligten Akteure gedeutet werden. Wenn Menschen fliehen, eine Flucht verhindern, oder eine Flucht organisieren, oder versuchen, solche Prozesse zu beschreiben, dann deuten sie Deutungen.

In der postmodernen Theorie wurde Hybridität zunächst als neue transkulturelle Form definiert, die in den Kontaktzonen der kolonialen Expansion entstand. Dort, wo Weltsysteme unter asymmetrischen Machtverhältnissen aufeinandertreffen, steigern sich  Unterwerfung und Deutungsoffenheit. Während einige Intellektuelle und Künstler mit einem kulturellen Hintergrund in  den ehemaligen Kolonien in europäischen und nordamerikanischen Metropolen die Kreativität der hybriden Räume betonen, weisen andere auf das Leid in den genannten Kontaktzonen hin. Gemeinsam ist ihnen jedoch ein Verständnis von Kultur jenseits jeder Mechanik.

Migration ist so alt wie die Menschheit, Grenzüberschreitung so alt wie Territorialherrschaft, und Hybridität im hier genannten Sinn so alt wie koloniale Expansion. Wenn afrikanische Masken bei Sotheby's in London versteigert oder in einem Pariser Museum bewundert werden, so ist dies in ähnlicher Weise hybrid wie das Aufbringen von Flüchtlingsbooten vor der spanischen oder italienischen Küste. Auch die Machtasymmetrie weist in die gleiche Richtung. Die Verfügungsgewalt, die Deutungshoheit und die Rechtssicherheit liegen nördlich von Gibraltar und Palermo. Die Masken werden geholt und erhöht, ihre Erschaffer verhindert und erniedrigt.

Wenn es uns gelingt, Hybridität als Chance zu begreifen, und sie nicht vorschnell als kreativen Raum zu erhöhen oder als Gefahr abzuwenden, und uns dabei auf die in der Aufklärung formulierte Humanität berufen, dann finden wir in „Crossing Munich“ einen Raum mit großem kreativen Potential, der uns viel über unser Verhältnis zu Migration, und somit über uns selbst sagt. Es wäre schön, wenn wir über unser eigenes Land behaupten könnten, was Amitav Gosh zu seiner eigenen Gesellschaft gesagt hat: Es ist unmöglich, unvollkommen indisch zu sein.