Autonomie der Migration

Der Begriff der Migration gehört zu den umstrittensten unserer Gegenwart. „Humanitäre Migration“, „Zwangs- und Kriegsmigration“, „Arbeitsmigration“ und nicht zuletzt „zirkuläre Migration“ sind keineswegs „neutrale“ Bezeichnungen für die raümlich-kulturelle Mobilität von Menschen, weil sie zugleich mit herrschenden Vorstellungen von Kontrolle oder Immobilität einhergehen. Wann, wo und wie eine Migrantin „humanitär“ auswandert, zwischen „Herkunfts-„ und „Ankunftsland“ arbeitssuchend „zirkuliert“, ist weniger selbstverständlich, als man spontan zu glauben scheint. Gegenwärtige Praktiken der Migration werden in der Regel im Rahmen der Postcolonial Studies (Bahba, Gilroy), der Kosmopolitismus- (Beck, Appadurai) oder Globalisierungs-Studies (Sassen, Ong) als heroisierte Handlungsfähigskeitsträger einer diffus konzipierten Subalternität der Globalisierung von unten verstanden. Andere wiederum verstehen sie zeitdiagnostisch als prekäre Metapher einer flüchtigen Moderne, die, so Sigmund Baumann mit neoliberalen Formen einer post-panoptischen Macht korrespondieren, oder komplexitätstheoretisch als globale Liquide (fluids), in denen alle Mobilitätsformen, so John Urry, von Tourismus bis transnationalen Terrorismus neben einander existieren.

Der von Yann Mulier Boutang geprägte Einsatz der „Autonomie der Migration“ bricht mit diesem „methodologischen Funktionalismus“, womit Migration immer wieder entweder für etwas Anderes steht oder als abhängige Variabel von der Funktion dieses Anderen abgeleitet wird. Im Gegenteil, die frohe Botschaft der „Autonomie der Migration“ will den Blick dafür schärfen, in der Migration primär die Projekte der Migration zu sehen, d.h. darin gesellschaftliche grenzüberschreitende Mobilität und ihre Kämpfe, also die Kämpfe der Mobilität zu sehen. Es geht vielmehr darum, so Serhat Karakayali, die generische Kraft der Migration als einer sozialen Bewegung in den Blick zu nehmen. Dies war auch einer der Gründe für den Bezug auf das Konzept der Autonomia, das in den 1970er Jahren in Italien entwickelt wurde. Das Konzept der Arbeiteruntersuchung, der „Conriserca“, beruhte auf der Idee, dass Ansatzpunkte für eine subalterne Politik in der Alltags-Praxis der Massen- bzw. gesellschaftlichen Arbeiter/innen zu suchen seien. Es kam demnach nicht so sehr auf die Geschwindigkeit des Fließbands an, sondern darauf, wie die Arbeiter/innen damit umgingen. Die Analogie ließe sich noch weiter treiben. Folgt man den Theoretiker/innen des Operaismus und Postoperaismus, dann sind alle Veränderungen der kapitalistischen Produktionsweise in den letzten vierzig Jahren in den nördlichen Industriestaaten mehr oder weniger direkt auf die Schwierigkeiten zurückzuführen, die die kollektive Arbeitskraft den Unternehmen beschert hat. Autonomie der Migration ist angewandter Postoperaismus auf dem Gebiet der Grenze. Der Einsatz der „Autonomie der Migration“ versucht Mobilität als politische Praxis zu artikulieren, in der soziale AkteurInnen ihren normalisierten Repräsentationen entfliehen, sich im Akt dieser Flucht neu begründen und dabei die Bedingungen ihrer materiellen Existenz verändern. Autonomie ist eine Kraft, die sich nicht nur gegen etwas richtet (nämlich vor allem gegen das allgegenwärtige Modell des methodologischen Individualismus und die souveränen Regime der Bevölkerungskontrolle), sondern ist auch eine Kraft, die Begehren ermöglicht. Dieses Begehren von der Flucht aus der Plantage und die Flucht aus dem Regime der Fabrikdisziplinierung bis zur Flucht aus der Zwangheteronormativität, erstreckt sich über die gesamte Geschichte des Kapitalismus.

Genau um diese verräumlichte Politik des Begehrens geht es im prominenten Fall von Sir Alfred Mehran! Obwohl die Ankunft von Sir Alfred Mehran in vielen europäischen Polizeidienststellen für Zuwanderungsangelegenheiten erfasst wurde, bleibt seine Figur ein Rätsel. Sir Alfred Mehrans Biographie (von Spielberg unter dem Titel The Terminal verfilmt) scheint emblematisch für die These der Autonomie der Migration zu stehen. Sein Begehren war es, nach Großbritannien zu kommen, und zwar mit einem auf seinen ursprünglichen Namen Mehran Karimi Nasseri lautenden Flüchtlingspass. Im Jahr 1988 flog er von Brüssel über Paris nach London. In London wurde ihm die Einreise verwehrt und er wurde nach Paris zurückgeschickt. Aber auch Frankreich verweigerte ihm die Einreise und Brüssel nahm ihn nicht wieder zurück. Von dem lebte er in der Transitzone des Terminal 1 im Flughafen Charles de Gaulle in Paris. Als er schließlich einen UNHCR-Pass erhielt, wieder reisen und den Transitraum verlassen konnte, verweigerte er die Anerkennung und Unterzeichnung jener Dokumente und argumentierte, dass die Person Mehran Karimi Nasseri nicht mehr existiere. Diese Person existierte 1988, heute sei er Sir Alfred Mehran.

Das Rätsel von Sir Alfred Mehrans Ankunft jedoch resultiert nicht aus seinen vielfachen Dislozierungen und seiner schlussendlichen Festsetzung in der Transitzone des Pariser Flughafens; vielmehr verweist es darauf, dass eben jener Moment der Ankunft sich über 17 Jahre erstreckt. Die Ankunft hat eine longue durée, sie umfasst beinahe das ganze Leben der NomadIn: Man ist immer da und immer auf dem Sprung, man ist stets im Aufbruch begriffen und manifestiert fortwährend die Materialität des Ortes, an dem man sich befindet.

Niemals kommt man irgendwo an. Sir Alfred Mehrans spektakuläre Geschichte bricht mit einer klassischen Konzeption der Migration als eines Prozesses, der in eine Richtung verläuft, zielgerichtet und intentional ist. In jenem Verständnis von Migration – das für fordistische Gesellschaften typisch ist – ist die MigrantIn der Signifikant einer bestimmten Konzeptualisierung von Mobilität: das individualisierte Subjekt, das aufwendig das Kosten-Nutzen-Verhältnis seiner Reise kalkuliert und sich dann auf einen Weg mit festgelegtem Ausgangs- und Ankunftsort macht. Aber Migration ist keine individuelle Strategie, und sie bezeichnet auch nicht die Option „Exit“. Vielmehr ist sie durch die steten Verlagerungen und radikalen Neuartikulationen individueller Bewegungsbahnen gekennzeichnet. Migration bedeutet nicht die Evakuierung eines Ortes und die Besetzung eines anderen, sondern die Gestaltung und Neugestaltung des eigenen Lebens auf der Weltbühne: Sie ist Weltgestaltung. Migration lässt sich nicht an Positions- oder Ortsveränderungen bemessen, sondern an dem, was sie zunehmend in sich einbezieht, an der wachsenden Reichweite ihrer Intensitäten. Selbst wenn Migration mitunter als eine Art Dislozierung beginnt (erzwungen durch Armut, patriarchale Ausbeutung, Krieg, Hunger), ist ihr Ziel nicht Relozierung, sondern die aktive Transformation des sozialen Raums. Durch ihre Einbettung in weitläufigere Netzwerke intensiver sozialer Veränderung verbindet sich Migration mit einer Herausforderung und Neugestaltung der souveränen Bevölkerungskontrolle, die ausschließlich über die Identifikation und Kontrolle der Bewegungen des individuellen Subjekts funktioniert. Sir Alfred Mehran repräsentiert in besonders radikaler Weise eine nicht-repräsentierbare MigrantIn: Die Person, die die Reise antritt, ist an deren Ende nicht dieselbe, der bewohnte Raum ist nicht der angestrebte, die Dokumente verweisen nicht darauf, wer man ist oder war, sondern wer man im Verlauf der Reise wird. Reisen wird das Gesetz, Werden wird der Code für eine neue Great Transformation von den kommenden Gemeinschaften dieser Welt.