Crossing Munich. Orte, Bilder und Debatten der Migration. Ausstellung vom 10. Juli bis 15. September 2009 in der Rathausgalerie München. Ein Forschungs- und Ausstellungsprojekt des Kulturreferats der Landeshauptstadt München in Kooperation mit dem Institut für Ethnologie, dem Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie und dem Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Die Geschichte und Gegenwart der Migration in München neu reflektieren, das will Crossing Munich. Das interdisziplinär forschende Ausstellungsprojekt nimmt nicht nur neue, noch nicht erzählte Aspekte der Geschichte der „Gastarbeit“, die ab den 1950er Jahren das Bild der Stadt entscheidend prägte, in einer Ausstellung auf. Crossing Munich eröffnet auch neue Perspektiven auf Migration in München, quer zu den gängigen Betrachtungsweisen und Debatten. Diese oszillieren ja zwischen den zwei Polen, Migration entweder als Bereicherung oder als Bedrohung bzw. Migrierende entweder als Opfer oder als Missetäter darzustellen. Crossing Munich bietet demgegenüber neue Blickwinkel an und beleuchtet neue Ausschnitte der bundesdeutschen Migrationsdebatte, einer Debatte, die Stadtgesellschaften im Zeitalter der Globalisierung generell zu führen herausgefordert sind.
Crossing Munich versucht dabei nicht nur inhaltlich neue Wege zu gehen, sondern beschreitet auch im Produktionsprozess innovative Strategien und bringt wissenschaftliche und künstlerische Kompetenzen und Arbeitsweisen zusammen. Das Projekt basiert auf wissenschaftlich angeleiteten Forschungen von Studierenden und DoktorandInnen der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) München. In einem dreisemestrigen Lernforschungsprojekt haben die Beteiligten sich sowohl mit repräsentationskritischen Fragestellungen als auch mit aktuellen migrationswissenschaftlichen Debatten auseinandergesetzt, haben eigene Forschungsprojekte konzipiert, sind in Archive und/oder ins „Feld“ gegangen. Die dreizehn hieraus entstandenen Einzelprojekte zu historischen und gegenwartsbezogenen Themenstellungen haben die Forschenden an verschiedene Orte sowie in Szenen und Milieus der Münchner Stadtgesellschaft geführt, aber auch nach Istanbul, Antwerpen oder Pristina im Kosovo. Auch wenn die einzelnen Gruppen unterschiedliche zeitliche Phasen der Stadt- und Migrationsgeschichte fokussieren, so sind doch alle Forschungsprojekte sowohl durch einen interdisziplinären Zugang als auch von einem historisch argumentierenden, sensiblen Blick gekennzeichnet.
Crossing Munich erhält seine entscheidende Dimension durch die Kooperation der Studierenden und WissenschaftlerInnen mit Künstlerinnen und Künstlern sowie durch die künstlerische Beratung und Gesamtgestaltung der Architekten, Künstler und Kuratoren Michael Hieslmair und Michael Zinganel. So wurden den Forschungsprojekten Künstlerinnen und Künstler – u.a. Karin Bergdolt, Ralf Homann, Manuela Unverdorben, Matthias Weinzierl, Anna Witt, Fabian Hesse, Dörthe Bäumer – zur Seite gestellt, die ausgehend von einer gemeinsamen Materialsichtung und -interpretation zusammen mit den Forschenden Repräsentationsweisen entwickeln. Um den vielfältigen Zugängen Rechnung zu tragen, wurden die einzelnen Beiträge als raumgreifende Installationen mit unterschiedlichen Medien und in unterschiedlichen Formaten entwickelt.
Crossing Munich ist so nicht nur durch einen
kollektiven inhaltlichen Suchprozess bei der Themenwahl und den
zentralen Fragestellungen gekennzeichnet. Vielmehr trägt jedes Exponat
die Handschrift eines kollaborativen, künstlerisch inspirierten
Umsetzungsprozesses der Forschungsinhalte. Dabei wurden die Recherchen
teilweise während der Umsetzung in die jeweiligen untersuchten
Zusammenhänge zurückgespielt.
Diese kollaborative Vorgehensweise hat dafür gesorgt, dass repräsentationskritische Fragen den Produktionsprozess von Anfang an begleiteten: Wer spricht wie über wen? Wer repräsentiert wen wie? Damit konnten wir zwar die strukturelle Unterrepräsentation migrantischer SprecherInnenpositionen im Wissenschafts- und Kunstbetrieb, die auch bei Crossing Munich vorliegt, nicht kompensieren. Jedoch konnten wir aufbauend auf der repräsentationskritischen Haltung, die unsere Themenwahl und Perspektiven mitbestimmte, selbst-reflexiv damit umgehen.
Ein weiterer Aspekt von Crossing Munich ist die Einbindung bürgerschaftlicher Perspektiven. Münchnerinnen und Münchner haben im Rahmen einer Geschichtswerkstatt an der Volkshochschule München die Gelegenheit, historische Forschungen zum Thema Migration im eigenen Umfeld zu realisieren. Foto- und Videoworkshops der Gruppe begleiten Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund bei ihren visuellen Erkundungen durch Münchner Stadtviertel und eine Sonderausgabe des Vierteljahresmagazins des Bayerischen Flüchtlingsrats „Hinterland“ beschäftigt sich mit Kontinuitäten und Diskontinuitäten der Lagerunterbringung von MigrantInnen und Flüchtlingen in München.
Wichtigstes Anliegen von Crossing Munich ist, die Geschichte und Gegenwart der Migration aus der Perspektive der Migration für München neu zu erzählen. Dabei kann Crossing Munich auf vorhandene Ausstellungsprojekte der Stadt München wie „Für 50 Mark einen Italiener“ (2000) oder „Xenopolis“ (2005) aufbauen. Crossing Munich will jedoch andere Blicke und Fragestellungen und neue Zugänge, ausgehend von den Lebensrealitäten der Migration, in den Mittelpunkt stellen und sie sowohl in der Stadtöffentlichkeit als auch in einem breiteren wissenschaftlichen und künstlerischen Publikum zur Diskussion stellen.
Dies bedeutet zum Einen, dass wir Geschichten der Migration jenseits der in der gegenwärtigen öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte gängigen Paradigmen und Diskurse von „Integration“ oder „Ethnizität“ erkunden. Zum Anderen führt dies dazu, dass die Geschichte der Migration als eine Geschichte von kleinen und größeren Versuchen der „Selbsteingliederung“, von Kämpfen und Niederlagen, letztlich aus Perspektive eines migrantischen Protagonismus neu erzählbar wird. In diesem Sinne wird Crossing Munich von vier Betrachtungsebenen getragen, die sich in unterschiedlichen Gewichtungen durch alle Beiträge hindurch ziehen.
Zum Einen wird München als Stadtgesellschaft erkundet, die von historisch sehr unterschiedlichen Migrationsbewegungen geprägt und durchdrungen ist: Hierbei interessieren die Forschenden Objekte, Gerüche, Farben, Sounds, Materialien, Mobilitäten, Sehnsüchte, Ökonomien, Kulturproduktionen, Szenen, Subkulturen.
Zum Anderen steht die Kommune München im Fokus, wie sie in verschiedenen Politikfeldern mit verschiedenen Institutionen, Diskursen, Architekturen und Angeboten versucht, Migration zu steuern, zu kontrollieren, zu verwalten, zu regulieren, zu bremsen und zu zähmen – oder auch Menschen anzuwerben, Einwanderung zu nutzen und für sich einzunehmen.
Ferner ist der Zugang der Forschungsgruppen durch eine konsequente transnationale Perspektive geprägt, die die Stadt München in einem globalen Netz von Bewegungen und Verbindungen verortet, die Migranten und Migrantinnen direkt durch ihre täglichen Mobilitätspraktiken, ihre Kommunikationen, durch Güter-, Geld- oder Wissenstransfers errichten.
Migration aus der Perspektive der Migration zu erzählen bedeutet auch, die Praktiken, das Know-How und das Wissen der Migration in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen. Dies verpflichtet zu einem Standpunkt, der zentral nach dem subjektiven Gesicht und den Erfahrungen der Migration fragt und, von dort kommend, versucht, die Geschichte der Migration zu rekonstruieren.
Öffentliche Veranstaltungen wie Workshops, die Vortragsreihen „Kunst und Migration“ und „Stadt und Migration“ an der LMU München und ein internationales „ScienceLAB“ im StipendiatInnenhaus der Stadt München, der Villa Waldberta, finden bereits im Vorfeld der Ausstellung statt.
Die Ausstellung wird von 9. Juli bis 15. September 2009 in der Rathausgalerie München zu sehen sein. Mit diesem Standort werden die Lebenswelten der Migration bewusst in das symbolisch aufgeladene Zentrum der politischen Verwaltung der Stadt gerückt.
Die Bauelemente der Ausstellung sind abstrahierte Zitate von Stadtarchitekturen, die eine Struktur aus halbgeschlossenen Innenräumen, Gassen und öffentlichen Plätzen mit Blickbeziehungen zueinander produzieren, in denen die einzelnen Themeninseln inszeniert werden. Die markantesten Architektur-Typologien im zentralen Ausstellungsraum stellen die Bahnhofshalle und ein Turm aus den Nachkriegsmoderne dar, ersterer als Referenz an die klassische erste Ankunftsstation, letzterer als Referenz an eine spätmoderne Architektursprache, die die fordistische Segregierung und Regulierung repräsentiert. Zudem ist beabsichtigt, Themeninseln aus der Rathausgalerie mit Blickbeziehung aus dem Ausstellungsraum vor die jeweiligen Eingangsbereiche auszulagern.
Der zentrale Ausstellungsraum wird dabei auch Rechercheraum, Bibliothek, Kino, Bühne und vor allem Ort des gesellschaftlichen Austauschs sein. Den Besucherinnen und Besuchern steht Literatur zum Thema zur Verfügung, sie können Materialien einsehen, die im Laufe der Recherche gefunden oder generiert wurden und Videos anschauen.Es finden regelmäßig Abendveranstaltungen in der Galerie statt, die an die Ausstellungsbeiträge anknüpfen und zum Weiterdenken an den Rändern ihrer Interpretation einladen. Crossing-Munich-Filmreihen bespielen weitere Orte im städtischen Raum.
Der Ausstellungskatalog, der im Buchhandel und in der zweiten Hälfte der Ausstellung vor Ort erworben werden kann, spiegelt das interdisziplinäre und kollaborative Konzept der Ausstellung wider: Neben einer Vorstellung der einzelnen künstlerischen Arbeiten werden Beiträge von an Crossing Munich beteiligten ForscherInnen und KünstlerInnen, sowie weiterer AutorInnen abgedruckt – dabei werden sich wissenschaftliche und literarische Texte und Bildstrecken abwechseln.
